Privates  Interview, 19.05.2013

Hochschwangere ca. 35-jährige Frau, die ihr genaues Geburtsdatum nicht wusste. Mutter von 4 Kindern. Sie und ihr fünftes Kind starben bei der Geburt Anfang Juni 2013.

 


 

Auszug aus dem Interview

 

Hast du deine Tochter genital verstümmeln lassen?

Nein, und ich werde es auch nicht tun.

Was denkt dein Mann darüber?

Da es Geld kostet, kümmert er sich nicht darum. Wenn es nichts kosten würde, könnte er es für sie gewollt haben.

Wann hast du geheiratet?

Als ich 16 Jahre alt war, verheiratete mich mein Onkel, ohne mich zu fragen. Gleich nach der Hochzeit fuhr mein Mann nach Saudi Arabien, kam aber bald zurück, weil er keine Arbeitsbewilligung hatte. Er mietete ein Haus und brachte mich dorthin. In der gleichen Nacht hatten wir Sex bis zum Morgen. Ich hatte Schmerzen vom Scheitel bis zur Sohle.

Was weißt du über deine Genitalverstümmelung?

Ich weiß nicht, wie alt ich war, aber ich war ein Kind, vielleicht sieben Jahre alt. Es wurde gleichzeitig mit meinen zwei Schwestern gemacht. Eine Hebamme kam in unser Haus und führte die pharaonische Verstümmelung durch, und sie entfernte die Klitoris nicht nur von außen, nein, auch von innen.

Wir bekamen weder Geschenke noch Geld. Die weiblichen Familienmitglieder und Nachbarsfrauen hörten uns Kinder weinen, aber sie halfen nicht, sie sangen.

Ich habe keine Gefühle beim Sex mit meinem Mann. Ich würde sehr spät erregt werden, zu spät für meinen Mann.

Wie hast du nach den Geburten die Genitalverstümmelung bewältigt?

Nach dem ersten Kind wurde ich mit lokaler Anästhesie zugenäht. Ich hatte große Schmerzen - für einige Zeit fast unerträgliche Schmerzen. Nach den weiteren Geburten blieb ich geöffnet.

Hattest du vor der Ehe Schwierigkeiten?

Ich hatte viele Schmerzen vor und während der Periode. Wasserlassen war ok.

Hattest du ein verändertes Körpergefühl, nachdem du geöffnet bliebst?

Ja, beim Sex. Ich spürte überhaupt nichts, aber mein Bauch fühlte sich freier an. Nach der pharaonischen Verstümmelung konnte ich lange Zeit nicht richtig gehen und auch nicht laufen.

Ich würde gerne mit deinem Mann über die weibliche Genitalverstümmelung sprechen.

Er wird nicht bereit dazu sein, denn er würde sich schämen und er wäre zornig.

Wenn er wüsste, dass wir über FGM und Sex sprechen, wie würde er reagieren?

Ich weiß es nicht, aber auch wenn er hier wäre, würde ich mit dir über dieses Thema sprechen.

Interview in Karthum am 03.02.2014

Auszug aus einem Interview mit einer 46-jährigen Akademikerin, verheiratet.

 

Wann wurdest du genital verstümmelt?

Ich war 7 Jahre alt. Meine Mutter sagte „Wir machen TAHUR“,

und ich war damals sehr glücklich und tanzte. Sie gaben mir schöne Schuhe und Kleider. Die Familie machte HENNA, als würde ich heiraten, und ein großes Fest. Aber dann weinte ich und weinte. Ich blutete und blutete, unaufhörlich.

Die ganze Großfamilie war zum Frühstück eingeladen und es gab auch ein großes Essen. Alle außer mir waren glücklich. Ich aber litt sehr darunter.

Hast du gewusst, was die Mutter mit TAHUR meinte?

Nein, ich war zu klein.

Wurde es zu Hause durchgeführt?

Nein, Mutter brachte mich an einen anderen Ort. Ich ging mit meiner Mutter und einer Verwandten, einer alten Frau und meiner Großmutter.

Was war in diesem Raum?

Schreckliche Sachen waren in diesem Zimmer. Injektionsnadeln und Messer.

Zwei Frauen hielten mich und spreizten meine Beine auseinander.

Sie gaben mir eine Spritze und schnitten einige Teile weg, ohne dass ich was spürte. Ich sah das Blut und ich fürchtete mich. Ich dachte, dass gerade etwas sehr Schreckliches geschieht.

Von wem sprichst du da, wer waren die Frauen?

Viele, meine Mutter, eine Tanten und meine Großmutter.

Ich begann zu weinen und sie nähten den „Teil“ zu und brachten mich nach Hause zurück. Ich weigerte mich zu essen und zu trinken, denn ich fühlte mich sehr schlecht, sie aber feierten.

Mutter sagte: “Weine nicht, in einigen Tagen ist es wieder gut“.

Nach ein paar Tagen nahmen sie die Fäden weg und bald darauf fühlte ich mich wieder besser.

Wusste dein Vater, was mit dir geschehen war?

Mein Vater wusste es nicht, bis er starb. Die Mutter verheimlichte es vor ihm.

Er hätte sie bestraft dafür. Er war sehr gebildet.

Du bist verheiratet. Hat dich dein Mann vor der Hochzeit gefragt, ob du genitalverstümmelt bist?

Nein, weil es zu meiner Zeit normal war, jedes Mädchen war genitalverstümmelt.

Hast du im Genitalbereich Gefühle?

Es braucht mindestens eine Stunde, bevor ich etwas fühle. Das ist schwierig, weil es so lange dauert.

Hast du Kinder?

Nein, keine. Mein Mann hat schwaches Sperma. Er war Alkoholiker.

Trinkt er noch immer?

Nein, er ist trocken, aber sein Sperma ist immer noch zu schwach.

Und mit TAHUR ist es sehr schwierig zu gebären.

Auch mit SUNNA?

Ja, auch mit Sunna muss beim Gebären geschnitten werden.

Interview in Karthum am 30. Mai 2013

Mit einer 20–jährigen Frau aus El Kinena - Darfur West,  seit 2007 in Karthum

 

Wie hast du erfahren, dass FGM gemacht wird?

Ich sah viele Mädchen, bei denen geschnitten worden war, und ich hatte große Angst, getraute mich aber nicht zu sagen, dass ich das nicht wollte. Ich wäre sicher geschlagen worden. Eine Hebamme kam ins Haus und die Mutter war dabei. Ich bekam eine Lokalanästhesie, die sehr wehtat. Dann spürte ich nichts. Als die Wirkung nachließ, hatte ich große Schmerzen.

Wurdest du beschenkt?

Ja, ich bekam Geld.

Kanntest du die Hebamme?

Nein. Ich glaubte, das muss gemacht werden, daher wehrte ich mich nicht und sagte nicht „nein“. Für meine beiden Schwestern machte es eine Hebamme in Khartum.

Es gab ein Frühstück für die Verwandten und Nachbarn, aber es war eher im kleinen Kreis.

Hat sich nach diesem Eingriff bei dir etwas verändert?

Ja, ich ging breitbeiniger, das Sitzen war sehr schmerzhaft, am ersten Tag blutete ich sehr stark.

Die Wunde wurde mit Tee ohne Zucker gepflegt. Nach ein paar Tagen wurden die Schmerzen geringer. Es wurde täglich ein bisschen besser, doch es blieb eine Zeit lang schmerzhaft.

Wenn du dich angreifst, spürst du das und hast du dann ein angenehmes Gefühl?

Ja.

Weißt du, ob und in welcher Form deine Mutter genitalverstümmelt wurde?

Ich glaube pharaonisch, aber ich weiß es nicht, weil darüber nicht gesprochen wird.

Hast du mit deinen jüngeren Schwestern davor gesprochen, du hattest ja schon Erfahrung?

Nein.

Hat dich deine Mutter aufgeklärt, z.B. wie ein Kind in den Bauch kommt?

Die Mutter nicht, ich erfuhr alles über andere Mädchen. Die Mutter sagte, es ist wichtig, den Mann zu respektieren.

Was heißt es, den Mann zu respektieren?

Die Frau muss alles für den Mann machen. Sie muss ihn unterhalten, bedienen und für ihn da sein. Ich werde das aber nur machen, wenn er auch mich respektiert.

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